„Scholars of the South Tigris“ – Fazit
Review-Fazit zu „Scholars of the South Tigris“, einem äusserst gelungenen, komplexen Eurogame.
/pic6966624.png)
[Infos]
für: 1-4 Spieler
ab: 12 Jahren
ca.-Spielzeit: 60-90min.
Autoren: S. J. Macdonald und Shem Phillips
Illustration: Mihajlo Dimitrievski
Verlag: Garphill Games
Anleitung: englisch
Material: englisch
[Download: Anleitung/Übersichten]
engl., frz., dt., span., port., holl.: https://boardgamegeek.com/boardgame/367041/scholars-of-the-south-tigris/files
engl.: https://garphill.com/downloads
[Fazit]
Ein Spiel, das sich nach der ersten Partie tief im Kopf festsetzt, nicht weil es laut oder spektakulär wäre, sondern weil es wie ein fein abgestimmtes Uhrwerk funktioniert, in dem jede Entscheidung ein neues Rädchen in Bewegung setzt. Das Designerduo liefert hier den, gefühlt, komplexesten Titel der South‑Tigris‑Trilogie, ein anspruchsvolles Eurogame voller verzahnter Mechanismen, cleverer Timing‑Momente und einem Thema, das sich erstaunlich organisch in den Spielablauf einfügt.
Bagdad im 9. Jahrhundert, im Herzen des Abbasidenreichs, wo der Kalif die klügsten Köpfe der bekannten Welt zusammenruft, um wissenschaftliche Manuskripte zu sammeln, zu transportieren und schließlich im legendären Haus der Weisheit ins Arabische zu übersetzen. Genau hier setzt das Spiel an. Die Spieler organisieren ein wachsendes Netzwerk aus Linguisten, Karawanen, Forschung und Einfluss, um die wertvollen Schriftrollen nicht nur zu beschaffen, sondern auch fachgerecht zu übersetzen. Das Thema wirkt dabei nie aufgesetzt, sondern durchdringt jede Mechanik, sodass jede Entscheidung wie ein Schritt in einem großen wissenschaftlichen Projekt wirkt.
Im Zentrum des Spiels steht ein ungewöhnlich elegantes Würfelsystem, das Farben und Werte miteinander verknüpft. Die Würfel repräsentieren Sprachen und Aktionen, wobei Primärfarben wie Rot, Blau und Gelb die Basis bilden, während Sekundärfarben wie Orange, Grün und Lila durch Farbmischung (repräsentiert durch wenige transparente Würfel) entstehen. Jede Aktion besitzt sowohl eine Farbe als auch einen Wert zwischen 1 und 12, und beides ergibt sich aus den eingesetzten Würfeln. Arbeiter können Würfel umfärben oder aufwerten, was das System noch taktischer macht. Schon die Frage, welche Würfel man jetzt spielt und welche man für später aufbewahrt, kann über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Jede Runde besteht aus der Entscheidung, ob man arbeitet oder ruht. Beim Arbeiten spielt man eine Aktionskarte aus, legt ein oder zwei Würfel darauf und führt die daraus entstehende Aktion aus. Die vier Hauptaktionen – Rekrutieren, Reisen, Forschen und Übersetzen – bilden das Rückgrat des Spiels. Beim Rekrutieren entscheidet man, ob man Übersetzer entsendet, um sofortige Boni zu erhalten (und sie dann abwirft), oder sie anstellt, um langfristig von ihren Fähigkeiten (Sprachenkenntnisse) zu profitieren (durch Ablage im Übersetzer“haus“, die Räume dort erwarten unterschiedliche Mengen Gold zum Bezahlen der Leistung, bevor sie einen Übersetzer dann in die Rente entlassen). Beim Reisen bewegt man sich auf einem Rundkurs über die kleine Karte auf dem Spielbrett, sammelt Boni ein und liefert Schriftrollen ins Haus der Weisheit, was Einfluss, Forschung und Gold einbringt. Die Forschungsleisten wiederum bieten Sofortboni, Einkommen beim Ruhen und langfristige Vorteile, die das eigene Spiel immer stärker machen.
Der eigentliche Kernmechanismus ist jedoch das Übersetzen. Hier zeigt das Spiel seine ganze Brillanz. Man muss eine Kette von Übersetzern bilden, die die Sprache der Schriftrolle Schritt für Schritt bis ins Arabische übertragen. Jede Sprache besitzt eine Stufe, manche Übersetzer überspringen Stufen oder sprechen mehrere Sprachen, und für jeden genutzten Übersetzer zahlt man Gold und gegebenenfalls Silber an Mitspieler. Dieses Puzzle ist jedes Mal anders und unglaublich befriedigend, wenn man eine perfekte Kette legt. Beim Ruhen erhält man Einkommen aus Forschung, zieht neue Würfel und bekommt seine Aktionskarten zurück – ein Moment, der entscheidend für das Timing ist, denn zu früh zu ruhen kostet Tempo, zu spät zu ruhen blockiert Optionen. Ein weiteres stilles, aber mächtiges Element ist das „Pensionieren“ der Übersetzer. Sobald ein Übersetzer genug Gold gesammelt hat, geht er in Rente und wird unter eine der eigenen Aktionsleisten geschoben, wo er dauerhaft die Aktionen verbessert. Doch jede weitere Rente unter derselben Leiste kostet Silber oder bringt zusätzliche weiße Würfel (blähen die eigene Würfelsammlung auf und blockieren damit bessere Möglichkeiten mit farbigen Würfeln), was erneut zu spannenden Abwägungen führt.
Das Spielgefühl ist anspruchsvoll, belohnend und stark verzahnt. Alles greift ineinander. Würfel beeinflussen Aktionen, Aktionen beeinflussen Forschung, Forschung beeinflusst Einkommen, Einkommen beeinflusst Übersetzungen, und Übersetzungen beeinflussen die Siegpunktquellen. Jede Partie entwickelt sich anders, abhängig von den verfügbaren Übersetzern, den Schriftrollen, der eigenen Würfelzusammenstellung und den Mitspielern. Die Interaktion ist subtil, aber bedeutend. Man nimmt sich Übersetzer weg, liefert Schriftrollen, bevor andere sie übersetzen können, zahlt Silber an Mitspieler oder konkurriert um Einfluss in den Gilden. Es ist ein Eurogame, aber eines, bei dem man die anderen ständig im Blick behalten muss.
Optisch überzeugt das Spiel mit den markanten Illustrationen von The Mico, die hier besonders stimmungsvoll wirken. Die Mischung aus historischen Figuren, warmen Farben und klarer Symbolik macht das Spiel trotz seiner Komplexität gut lesbar und die transparenten Sekundärwürfel sind ein echtes Highlight. „SotST“ ist ein Spiel für Menschen, die komplexe Eurogames lieben, die Freude an verzahnten Mechanismen haben und gerne langfristige Strategien entwickeln. Es ist kein Spiel für einen lockeren Spieleabend, sondern fordert Konzentration, Planung und ein gutes Verständnis der eigenen Engine. Doch wer sich darauf einlässt, wird mit einem der elegantesten und thematisch stimmigsten Expertenspiele der letzten Jahre belohnt. Jede Partie erzählt eine eigene Geschichte von Forschung, Übersetzung und kulturellem Austausch – und genau das macht das Spiel besonders.
[Note lt. Kompetenz-Team]
von
Punkten.
{gespielt von Chris, Babsi, Pascal}
[Links]
BGG: https://boardgamegeek.com/boardgame/367041/scholars-of-the-south-tigris
HP: https://garphill.com/game-store/scholars-of-the-south-tigris
Ausgepackt: n/a
[Galerie: 13 Fotos]




