Review: „Wasteland 3 (PC)“

Ein grandioses Spiel! Wer auch nur ein wenig dem Taktik-RPG-Genre abgewinnen kann, kommt hier nicht drumherum! In diesem Bericht auch nicht um Spoiler, also Vorsicht beim Lesen^^.

Im dritten Teil der Apokalypse-Saga soll eine Ranger-Gruppe nach Colorado reisen und mit dem dortigen Patriachen handeln, um den Bewohnern ihrer Heimat Arizona Nahrung und Güter zu beschaffen. Dazu müssen sie ihm allerdings helfen und viele (fragwürdige) Gefallen erledigen.
In der völlig, nach einem Atomkrieg, zerstörten Welt gilt es nun den Staat zu erforschen, Hinweisen nachzugehen, diverse Quests zu erfüllen und Beziehungen aufzubauen. Ruf und erlernte Skills entscheiden dabei häufig den Ausgang bzw. Verlauf von Ereignissen und Begegnungen.

Zu Beginn aber müssen die Ranger erst einmal an ihrem Ziel ankommen und hier steigt das Spiel mit einem kleinen Tutorial ein. Wir werden direkt in einen Kampf geschmissen, denn der hoffnungsvolle Konvoi wird kurz vor Colorado Springs überfallen und fast gänzlich zerstört. Die beiden anfänglich erstellten (oder gewählten) Spielercharaktere werden zwar überleben, müssen nun aber dem Hinterhalt entkommen und herausfinden, was zum Teufel hier los ist. Dazu wird den ersten Hinweisen gefolgt und in ISO-Perspektive („von schräg oben“) die Gegend erkundet.

Schliesslich beim (ersten) Ziel angekommen, erfahren wir, wer der Patriach ist und was er genau will. Bevor er den versprochenen Handel erfüllt und genügend Ressourcen gen Arizona schickt, soll ihm bei der Ergreifung seiner abtrünnigen Kinder geholfen werden. Diese haben sich gegen ihn erhoben und planen Umstürze und Revolten gegen den Herrn Papa – allerdings sind sie weit verteilt geflohen bzw. verwiesen worden und müssen nun erst gefunden werden. Hieraus ergeben sich die drei Hauptquests des Spiels, bei deren Abarbeiten sich dann viele weitere Nebenquests ergeben.

Die erste Regel zum Überleben dabei lautet: nimm viel, sehr viel Munition mit! Diese ist am Anfang noch rar, aber nach und nach findet sich immer mehr in den zahllosen Kisten und Truhen und beim Plündern von erledigten Gegnern. Auch die Händler freuen sich über einen regen Verkauf ihrer Güter (den „Tauschhandel“-Skill zu pushen bringt allerdings nicht sooo viel, man wird später genug Geld haben und die paar Prozente lohnen sich nicht, da auch durch Rufbelohnungen schon Rabatte geboten werden).
Ausrüstung und vor allem Waffen (in allen nur erdenklichen Varianten von Schlag- und Stichwaffen hin zu Pistolen, Revolvern sowie Maschinen- und Sturmgewehren, Miniguns, Scharfschützengewehren, Raketenwerfer und derben Plasma/Laser-Gerätschaften vom „irren Wissenschaftler“^^) gibt es im Laufe des Spiels zuhauf. Auch jede Menge Drogen (zum kurzfristigen Pushen der Attribute, inkl. negativer Nachwirkungen), Fressalien („Clownburger“!!) und Tinnef findet sich überall – gut zum Geldmachen beim Verkauf an einen Händler (die nehmen einfach alles).

Nach und nach immer besser gerüstet, trifft man auch auf immer wildere (und abstruse^^) Gegnerschaften, wohl dem, der genügend Sprengstoff (Rakten, Granaten, etc.) dabei hat, wenn so eine anrollende Horden aus mehr als 6 Gegnern besteht. Die Kämpfe verlaufen immer abwechselnd, beginnend mit der Partei, welche die bessere Initiative hatte (i.d.R. die Seite, die den Gegner zuerst sieht und den Angriff beginnt….immer zu empfehlen (dabei auch vorsichtig herantasten), denn einmal entdeckt, greifen die anderen sofort an und der eigene Trupp wird zu ~80% betäubt und verpennt so die erste Runde – das schmerzt. Im Kampf gibt es ein Gitternetz, das klassisch vorgibt, wer wohin und wie weit gehen kann. Aktionspunkte geben vor, was alles innerhalb eines Zuges gemacht werden kann (bewegen, angreifen, heilen,…)! Praktischerweise kann man hierbei jederzeit ins Inventar wechseln und evtl. nachrüsten.

Es sollte taktisch vorgegangen werden, da sonst (spätestens bei höherem Schwierigkeitsgrad als „normal“) zuviel Blut und Ressourcen gelassen werden – Kämpfe finden immer in der aktuellen Umgebung statt und so lassen sich auch meist vorher ausgeguckte Deckungen gut ausnutzen.
Optisch macht das ganze dann besonders viel her, sobald Elementarwaffen ins Spiel kommen, die dann auf dem Schirm vorherrschenden Feuer, Frost und Blitzeffektanimationen sind schon staunenswert!

Ganz großes Kino gibt es auch im späteren Spielverlauf, wenn das Ranger HQ von einer Horde Feinde angegriffen wird und der eigene Trupp allen Verbündeten im Lager hilft. Das wirkt wie ein stark inszenierter Kriegsfilm, wenn die eigenen Leute fast taktisch Deckung suchen, den Gegner flankieren oder selbstlos in den Frontalangriff übergehen. Dito die (in diesem Fall) hirnlosen Feinde, die nach Serious Sam – Manier wild auf die Ranger zustürmen und durch die schiere Masse und Gewalttätigkeit die Überhand zu gewinnen scheinen.

Und so wird die Motivation und Abwechslung generell immer wieder aufrecht gehalten bzw. aufgefrischt, z.B. auch durch einen ehemaligen Bedienstetenroboter eines der Gruppenmitglieder, der plötzlich (nach entsprechender Reparatur, als er wirr durch die Strassen lief) zu einem vergrabenen Schatz (jede Menge Munition und Waffen) führt. Immer wieder gibt es, neben der Hauptstory und den vielen Zusatzmissionen, nebenher etwas zu entdecken – vor allem auch, wenn man abseits der Wege auf Entdeckungstour geht, gerade auch auf der Weltkarte lassen sich so viele, kleine Verstecke oder gar komplette Nebenmissionen finden.

Fehler und Probleme gibt es erstaunlich wenig für so ein komplexes Spiel, das spricht für die Qualitätskontrolle des Publishers. Einzelne, kleine Fehler bei der sonst sehr guten Übersetzung (die Sprachausgabe ist in Englisch, aber die Untertitel, Quest- und Gegenstandsbeschreibungstexte sind allesamt auf Deutsch) sind nur vergessene Buchstaben, also quasi leichte Tippfehler. Abstürze gab es bisher (80+ Stunden Spielzeit) keine, allerdings an manchen Stellen längere Wartezeiten, die dezent an ein „Einfrieren“ erinnerten, sich aber dann doch auflösten. Missionsweise gibt es kleinere Inkonsistenzen, z.B. bei der „Weihnachtsmannquest“, wenn trotz Erfüllen aller Parameter, die letzte Aufgabe als unerledigt markiert bleibt – Story, Loot, etc. wurden aber abgeschlossen bzw. vergeben.
Gelegentlich kam es vor, dass ein Kampf neu gestartet werden musste, weil der Feind oder ein Verbündeter nichts unternahm und nur rumstand – man sollte eh generell viel speichern :)!

Schick sind so kleine Spielannehmlichkeiten, wie das automatische Reisen zu schon besuchten Punkten auf der Weltkarte oder das automatische Verkaufen von „Schrott“ bei Händlern. Das Ausrüsten von „Kleinkram“ (Med-Spritzen, Nahrung,…) kann dagegen etwas lästig werden, wenn man fortwährend zwischen Inventarschirm und Charakter-Spielgeschehen wechseln muss, da Hilfsmittel nur in der Spielumgebung genutzt werden können, nicht aus dem Inventar heraus. Das Inventar ist übrigens unbegrenzt und das hilft sehr, bei all den Dingen, die man findet und zum Verkauf/Basteln gerne mitschleppt^^.
Äusserst hilfreich sind auch die Begleiter, die nicht zur Gruppe direkt gehören, aber schön brav mitlaufen und helfen. Da wird mal ein Fuchs oder eine Bergziege gezähmt (lernbarer Skill) oder ein Roboter gehackt, ein Klon erschaffen oder ein NPC kommt eine Weile mit. Auch „Belohnungen“ können zum Helferlein werden, z.B. ein Disco-Bot, der kämpfen und heilen kann – natürlich mit entsprechender Sound- und Lichtuntermalung^^. Die Begleiterfähigkeiten bzw. -verhaltensweisen sind nicht immer hundertprozentig nachvollziehbar (ein Fuchs mit 20cm Schulterhöhe beisst einen Bison mit 2m Schulterhöhe ruckzuck zu Tode, oder der Bot greift Kamikaze-mässig an, statt eine Notheilung zu initiieren, oder diverse Gesinnungswechsel führen zu amüsanten, aber sinnfreien Diskussionen, etc.), aber i.d.R. immer positiv.
Der größte Begleiter ist der Kodiak, das Panzerfahrzeug, mit dem über die Weltkarte gefahren wird. Dieser lässt sich auch upgraden und vor allem (je nach Spielentscheidungen^^) mit einer sehr coolen KI ausrüsten. Kämpfe die ausserhalb von vordefinierten Gebieten stattfinden, erhalten auch dessen Unterstützung und die ist gewaltig^^.

Positiv fällt dann auch das Fazit aus, denn „W3“ verbessert den Ruf seiner Vorgänger ungemein (Technik, Bugs, Präsentation) und macht da weiter, wo diese schon geglänzt haben (Idee/Thema, Story, „Leveldesign“, Charaktere). Die Geschichte entfaltet sich auch für Wasteland-Neulinge ungeheuer spannend, wobei Veteranen sich gleich zu Hause fühlen und auch einige augenzwinkernde Hinweise auf Vergangenes erhalten (oder wiedererkennen).
Nach 80+ Spielstunden bietet das Spiel immer noch das eigentliche Ende, einige Nebenquests und diverse unentdeckte Ecken auf der Weltkarte, aber jetzt musste doch endlich mal der Artikel geschrieben werden, sonst dauert das noch bestimmt 20 Stunden (um in Ruhe alles fertig zu erkunden)…….so involviert ist man in dieser Spielewelt…..eben noch da hin fahren, schnell noch skillen, dort noch was untersuchen, ojeh, da findet ein Hinterhalt statt, schnell zu Ende kämpfen oder helfen…und….achja, ausserdem…..oder hier….*G*, man kommt nicht zum Ende, wenn man sich auf das Spiel einlässt und das ist gut so :)! Ebenfalls cool, selbst wenn man noch so fleissig ist, je nach gefällten Entscheidungen wird man einiges nicht erleben/sehen/hören/kennenlernen, somit würde sich tatsächlich auch ein erneutes Spielen lohnen, trotz des zeitlichen Aufwands – auch allein schon wegen der völlig verschiedenen Enden, die sich, je nach Spielweise und -verlauf ergeben!
Update (Spiel abgeschlossen): Nach dem Ende des Spiels gibt es noch eine abschliessende Beurteilung des gesamten Spielverlaufs in Form von „Liedern“, die berichten, wie es nun allen mit den getroffenen Entscheidungen ergeht – sehr interessant, denn vieles wird man sicher nicht so bedacht haben.

Die Gestaltung und Präsentation entspringen keiner Ego-Shooter-triple-next-next-gen-Gfxboost-uberhyper3000-Grafikengine, sind aber sehr schön anzuschauen, bieten enorm viele Details, krasse Effekte und ein tolles Gesamtbild – wenn auch nur für Erwachsene! Die USK18 sind absolut gerechtfertigt, denn es wird an jeder Ecke geblutet, geflucht, gemordet, verraten, geschimpft und gehäckselt. Herumliegende Körperteile (menschliche, tierische und künstliche), riesige Blutlachen, versaute Schmierereien an Ruinenmauern und derbe Sprüche und Unterhaltungen sind an der Tagesordnung.
Zum Setting passt das alles sehr gut und weiss auf seine makabere Art auch unheimlich zu unterhalten, aber wer hier etwas zartbesaiteter ist, sollte darüber Bescheid wissen.

Die Soundeffekte und musikalische Unterhaltung (teilweise a la GTA) kommen auch immer passend zur Szene herüber und die schon erwähnte Sprachausgabe ist klasse geschauspielert und sauber aufgenommen.
Die Steuerung ist fast intuitiv und schnell eingängig, die Navigation durch die Menüs nicht wirklich umständlich. Der Koop-Modus funktioniert und macht ebenfalls viel Spass, wenn zwei Freunde auf der selben Map, aber dennoch jeder für sich, unterwegs sind^^.

Rundum empfiehlt sich hier ein tolles Spiel, das unbedingt auf die Festplatte gehört und sein Geld mehr als wert ist. Viele Stunden gute Unterhaltung mit viel Spannung, (erwachsenem) Witz, irren Wendungen und taktischer Finesse sowie geschmeidigen RPG-Elementen wollen und soll(t)en erfahren werden^^.

 
Wertung:
Spielspaß: 6 von 6 Punkten.

Daten:
Plattform: PC
USK: 18
Publisher: inXile Entertainment

 

Screenshots:

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