Lyrisches

Nicht von dieser (Spiele-)Welt, dafür aus der Realen ! Hier wird über alles, nur nicht über Spiele geredet.

Moderator: MrSkull

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 28.08.2006 09:30

-----------------------------
Lyrikmail 34/2006 25.08.2006
-----------------------------

Berlin-Wilmersdorf

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

* der Autor
geb am 4.12.1875 in Prag als Sohn eines Militärbeamten, 1886 bis 1891 Besuch der Militärschule St. Pölten, danach Militär-Oberrealschule in Mährisch-Weiß- kirchen, Studium der Kunst- u. Literaturgeschichte in Prag, München u. Berlin, 1899/1900 Rußlandreise mit Lou Andreas-Salomé, Begegnung mit Tolstoi, 1900 lässt er sich in der Malerkolonie Worpswede nieder u. heiratet die Bildhauerin Clara Westhoff, von der er sich 1902 trennt, 1905 wird er für 8 Monate der Privatsekretär von Rodin in Paris, Reisen nach Nordafrika, Ägypten, Spanien,
1911/12 lebt er auf Schloß Duino an der Adria bei der Fürstin Marie v. Thurn u. Taxis, im 1. Weltkrieg in München, aus Gesundheitsgründen wird er aus dem österreichischen Landsturm entlassen, nach Kriegsende 1920 in Berg am Irschel (Schweiz), ab 1921 auf Schloß Muzot im Kanton Wallis, das ihm sein Mäzen Werner Reinhart zur Verfügung stellt, er stirbt am 29.12.1926 im Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie.

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 11.09.2006 10:54

-----------------------------
Lyrikmail 32/2006 11.08.2006
-----------------------------

Übung am Klavier


Der Sommer summt. Der Nachmittag macht müde; sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid und legte in die triftige Etüde die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,

die kommen konnte: morgen, heute abend -, die vielleicht da war, die man nur verbarg; und vor den Fenstern, hoch und alles habend, empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.

Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränkte die Hände; wünschte sich ein langes Buch - und schob auf einmal den Jasmingeruch erzürnt zurück. Sie fand, daß er sie kränkte.


Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

* der Autor
geb am 4.12.1875 in Prag als Sohn eines Militärbeamten, 1886 bis 1891 Besuch der Militärschule St. Pölten, danach Militär-Oberrealschule in Mährisch-Weiß- kirchen, Studium der Kunst- u. Literaturgeschichte in Prag, München u. Berlin, 1899/1900 Rußlandreise mit Lou Andreas-Salomé, Begegnung mit Tolstoi, 1900 lässt er sich in der Malerkolonie Worpswede nieder u. heiratet die Bildhauerin Clara Westhoff, von der er sich 1902 trennt, 1905 wird er für 8 Monate der Privatsekretär von Rodin in Paris, Reisen nach Nordafrika, Ägypten, Spanien,
1911/12 lebt er auf Schloß Duino an der Adria bei der Fürstin Marie v. Thurn u. Taxis, im 1. Weltkrieg in München, aus Gesundheitsgründen wird er aus dem österreichischen Landsturm entlassen, nach Kriegsende 1920 in Berg am Irschel (Schweiz), ab 1921 auf Schloß Muzot im Kanton Wallis, das ihm sein Mäzen Werner Reinhart zur Verfügung stellt, er stirbt am 29.12.1926 im Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie.

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 18.09.2006 10:09

-----------------------------
Lyrikmail 36/2006 08.09.2006
-----------------------------

Einer Reisenden


Bald an die Ufer des Sees, der uns von ferne die Herzen
Lockt in jeglichem Jahr, Glückliche! kehrst du zurück.
Tag und Nacht ist er dein, mit Sonn und Mond, mit der Alpen
Glut und dem trauten Verkehr schwebender Schiffe dazu.
Denk ich an ihn, gleich wird mir die Seele so weit wie sein lichter
Spiegel; und bist du dort - ach wie ertrag ich es hier?



Eduard Mörike
(1804-1875)

Benutzeravatar
Monchhichi
Meisterspieler
Beiträge: 137
Registriert: 29.01.2006 17:09
Wohnort: Bayern

Beitrag von Monchhichi » 19.10.2006 12:19

Der Tag ist hart ,

das Leben gemein,

oh lasst mich nicht alleine sein ! :)

(Ich)

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 23.10.2006 10:22

-----------------------------
Lyrikmail 43/2006 23.10.2006
-----------------------------


Adrian Kasnitz


pizza vongole (so als ob)

ich aß eine pizza vongole mit einem dichter kollegen. tat so, als ob die gedichte, die verse mir bekömmlich seien. ich biß mit appetit.
mir gefiel das deftige, wenn's deftig wurde.
ich lobte die kräuter, das salz, das sich sträubte nicht aufgehen wollte im maßvollen geschmack.
selbst wenn eine stelle, den rand zum beispiel oder den boden, eine verbrannte kruste zierte pries ich das ganze, wissend vom bruch, silben verschlingend. oft kratzte ich den gaumen an natürlich schmerzte es, aber es war eine art von schmerz, die etwas größeres repräsentierte.


aus: innere sicherheit
Riemerling/München: Yedermann 2006

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 30.10.2006 09:49

------------------------------
Lyrikmail Nr. 1403 30.10.2006
------------------------------

Hermann Löns


Küselwind

Im Schummern, im Schummern
Da kam ich einst zu dir;
Im Schummern, im Schummern
Da standst du an der Tür.

Drei Liljen, drei Liljen
Die blühten hell und klar;
Drei Liljen, drei Liljen,
Dreimal ich bei dir war.

Die Liebe, die Liebe
Die hat so hell geglüht;
Die Liebe, die Liebe
Die ist schon ausgeblüht.

Drei Rosen, drei Rosen
Die blühen heute mir;
Drei Rosen, drei Rosen,
Wer schläft wohl jetzt bei dir?



aus: Der kleine Rosengarten.

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 06.11.2006 21:23

-----------------------------
Lyrikmail 45/2006 06.11.2006
-----------------------------


Johann Wolfgang von Goethe

Herbst


38
Früchte bringet das Leben dem Mann; doch hangen sie selten
Rot und lustig am Zweig, wie uns ein Apfel begrüßt.

39
Richtet den herrschenden Stab auf Leben und Handeln, und lasset
Amorn, dem lieblichen Gott, doch mit der Muse das Spiel!

40
Lehret! Es ziemet euch wohl; auch wir verehren die Sitte;
Aber die Muse läßt nicht sich gebieten von euch.

41
Nimm dem Prometheus die Fackel, beleb, o Muse, die Menschen!
Nimm sie dem Amor, und rasch quäl und beglücke wie er!

42
Alle Schöpfung ist Werk der Natur. Von Jupiters Throne
Zuckt der allmächtige Strahl, nährt und erschüttert die Welt.

43
Freunde, treibet nur alles mit Ernst und Liebe; die beiden
Stehen dem Deutschen so schön, den ach! so vieles entstellt.

44
Kinder werfen den Ball an die Wand und fangen ihn wieder;
Aber ich lobe das Spiel, wirft mir der Freund ihn zurück.

45
Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes
Werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.

46
Wärt ihr, Schwärmer, imstande, die Ideale zu fassen
O so verehrtet ihr auch, wie sich's gebührt, die Natur.

47
Wem zu glauben ist, redlicher Freund, das kann ich dir sagen:
Glaube dem Leben; es lehrt besser als Redner und Buch.

48
Alle Blüten müssen vergehn, daß Früchte beglücken;
Blüten und Frucht zugleich gebet ihr, Musen, allein.

49
Schädliche Wahrheit, ich ziehe sie vor dem nützlichen Irrtum.
Wahrheit heilet den Schmerz, den sie vielleicht uns erregt.

50
Schadet ein Irrtum wohl? Nicht immer! aber das Irren,
Immer schadet's. Wie sehr, sieht man am Ende des Wegs.

51
Fremde Kinder, wir lieben sie nie so sehr als die eignen;
Irrtum, das eigene Kind, ist uns dem Herzen so nah.

52
Irrtum verläßt uns nie; doch ziehet ein höher Bedürfnis
Immer den strebenden Geist leise zur Wahrheit hinan.

53
Gleich sei keiner dem andern; doch gleich sei jeder dem Höchsten,
Wie das zu machen? Es sei jeder vollendet in sich.

54
Warum will sich Geschmack und Genie so selten vereinen?
Jener fürchtet die Kraft; dieses verachtet den Zaum.

55
Fortzupflanzen die Welt, sind alle vernünft'gen Diskurse
Unvermögend; durch sie kommt auch kein Kunstwerk hervor.

56
Welchen Leser ich wünsche? Den unbefangensten, der mich,
Sich und die Welt vergißt und in dem Buche nur lebt.

57
Dieser ist mir der Freund, der mit mir Strebendem wandelt;
Lädt er zum Sitzen mich ein, stehl ich für heute mich weg.

58
Wie beklag ich es tief, daß diese herrliche Seele,
Wert, mit zum Zwecke zu gehn, mich nur als Mittel begreift!

59
Preise dem Kinde die Puppen, wofür es begierig die Groschen
Hinwirft; wahrlich, du wirst Krämern und Kindern ein Gott.

60
Wie verfährt die Natur, um Hohes und Niedres im Menschen
Zu verbinden? Sie stellt Eitelkeit zwischen hinein.

61
Auf das empfindsame Volk hab ich nie was gehalten; es werden,
Kommt die Gelegenheit, nur schlechte Gesellen daraus.

62
Franztum drängt in diesen verworrenen Tagen, wie ehmals
Luthertum es getan, ruhige Bildung zurück.

63
Wo Parteien entstehn, hält jeder sich hüben und drüben;
Viele Jahre vergehn, eh sie die Mitte vereint.

64
»Jene machen Partei; welch unerlaubtes Beginnen!
Aber unsre Partei, freilich, versteht sich von selbst.«

65
Willst du, mein Sohn, frei bleiben, so lerne was Rechtes, und halte
Dich genügsam, und nie blicke nach oben hinauf!

66
Wer ist der edlere Mann in jedem Stande? Der stets sich
Neiget zum Gleichgewicht, was er auch habe voraus.

67
Wißt ihr, wie auch der Kleine was ist? Er mache das Kleine
Recht; der Große begehrt just so das Große zu tun.

68
Was ist heilig? Das ist's, was viele Seelen zusammen
Bindet; bänd es auch nur leicht, wie die Binse den Kranz.

69
Was ist das Heiligste? Das, was heut und ewig die Geister,
Tiefer und tiefer gefühlt, immer nur einiger macht.

70
Wer ist das würdigste Glied des Staats? Ein wackerer Bürger;
Unter jeglicher Form bleibt er der edelste Stoff.

71
Wer ist denn wirklich ein Fürst? Ich hab es immer gesehen,
Der nur ist wirklich Fürst, der es vermochte zu sein.

72
Fehlet die Einsicht oben, der gute Wille von unten,
Führt sogleich die Gewalt, oder sie endet den Streit.

73
Republiken hab ich gesehen, und das ist die beste,
Die dem regierenden Teil Lasten, nicht Vorteil gewährt.

74
Bald, es kenne nur jeder den eigenen, gönne dem andern
Seinen Vorteil, so ist ewiger Friede gemacht.

75
Keiner bescheidet sich gern mit dem Teile, der ihm gebühret,
Und so habt ihr den Stoff immer und ewig zum Krieg.

76
Zweierlei Arten gibt es, die treffende Wahrheit zu sagen:
Öffentlich immer dem Volk, immer dem Fürsten


aus: Vier Jahreszeiten. Auswahl Goethes aus den gemeinsam mit Schiller verfaßten "Xenien und Votivtafeln" für die Ausgabe: Neueste Gedichte, Berlin (Unger) 1800.

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 13.11.2006 10:27

-----------------------------
Lyrikmail 46/2006 13.11.2006
-----------------------------

stan lafleur


herbst


nachts im park fiel ein meteorit

zwei schritt neben mir nieder

mit sicherem blick erkannte ich

ihn wieder: es war genau der

stein, den ich vor dreiszig jahren

aus einem fluszbett schnitt

um zu erfahren wie weit sein

ritt wohl weilte, entgegen der

schwerkraft, wenn ich ihn warf

das weltall anpeilte & warf


(c) beim Autor

* der Autor: Geboren 1968 in Karlsruhe. Lebt in Koeln.

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 22.11.2006 11:42

-----------------------------
Lyrikmail 47/2006 22.11.2006
-----------------------------

Wilhelm Waiblinger


Gaspard Poussin

Du erkanntest sie nicht, die Natur, wie in seliger Ruhe
Lächelnd ihr Kind sie im Schooß lieblicher Frühlinge wiegt, Aber sie hat dir dafür gewaltige Wunder verliehen,
Auch in der Schwermuth, im Zorn, ist sie noch göttlich und schön.


aus: Oden und Elegien aus Rom, Neapel und Sicilien.

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 29.11.2006 10:21

-----------------------------
Lyrikmail 48/2006 29.11.2006
-----------------------------

Kurt Bauchwitz


Abwarten


Setze dich tausend Jahre
Neben den Stein. Er wächst
Endlich kristallen ins Klare,
Und vom Blute behext,

Von deinem in liebender Nähe,
Bricht er den lastenden Bann,
Und mit Kindesgekrähe
Hebt er zu fliegen an.



© Weidle Verlag

aus: Kurt Bauchwitz: Heim-Findungen
Lebensbuch eines Emigranten

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 28.12.2006 12:28

-----------------------------
Lyrikmail 52/2006 28.12.2006
-----------------------------

Joachim Ringelnatz


Neujahrsnachtfahrt

Wenn du nachts in ein Auto steigst
Und dir ist bang und winterlich zu Mut, Und du dem Chauffeur die Richtung zeigst, Und sagst: "Sie fahren gut."

Wenn du so den Kopf des Wagenlenkers lenkst, Daß er's gar nicht gewahrt, Wie du traurig bist und an Sterben denkst, - Das ist nächtliche Fahrt.

Draußen leuchtet Volk und lacht und schießt.
Mitlächelnd denkst du fremdwärts still
An etwas, was du vom Flugzeug aus siehst, An ein Flüßchen, das unter dir weit fließt Sohin, dorthin, wo es muß; nicht will.



---
Aus: Gedichte dreier Jahre

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 03.01.2007 11:41

-----------------------------
Lyrikmail 01/2007 03.01.2007
-----------------------------

Nikolaj Rubcov


NICHT DÜRFEN WIR
dem Leben
zuschieben unsre Schuld.
Wer fährt, der
muß auch lenken,
tust du es, nun halt aus!
Die Zügel ließ ich sinken,
den andem schau ich nach,
würd selber fahm
und lenken,
doch steh ich ganz im Schach ...

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 17.01.2007 10:59

-----------------------------
Lyrikmail 03/2007 17.01.2007
-----------------------------

D.H. Lawrence


Puma


Ansteigend durch den Januarschnee, in den Lobo-Canyon, dunkel wachsen die Fichten, blau ist der Balsam, Wasser rauscht
noch ungefroren, und der Pfad ist noch deutlich.

Menschen!
Zwei Männer!
Menschen: Das einzige Tier auf der Welt zum Fürchten!

Sie halten inne. Wir halten inne.
Sie haben ein Gewehr.
Wir haben kein Gewehr.

Dann gehn wir alle weiter, aufeinander zu.

Zwei Mexikaner, Fremde, heraustretend aus dem Dunkel, dem Schnee, dem tiefen Tal des Lobo.
Was machen die hier auf diesem schwindenden Pfad?

Was schleppt der eine?
Etwas Gelbes.
Einen Hirsch?

Que tiene, amigo?
Leon -

Er lächelt, dümmlich, als wär er bei etwas Unrechtem ertappt.
Und wir lächeln albern, als wüßten wir's nicht.
Er ist ganz freundlich und dunkelgesichtig.

Ein Puma ist es,
eine lange, lange schlanke Katze, gelb wie eine Löwin.
Tot.

Heut morgen habe er sie erwischt, sagt er einfältig lächelnd.

Emporgedreht ihr Gesicht,
ihr rundes, leuchtendes Antlitz, strahlend wie Frost.
Ihr rundes, fein geformtes Haupt, mit zwei toten Ohren und Streifen im glitzernden Frost ihres Gesichts, scharfe feine
dunkle Strahlen,
dunkle, scharfgezeichnete, feine Strahlen im glitzernden Frost
ihres Gesichts.
Wundervolle tote Augen.

Hermoso es!

Sie gehen ins Offene hinaus;
wir gehen weiter ins Duster des Lobo.
Und jenseits der Bäume fand ich das Lager der Löwin, ein Loch in den blutorangeglänzenden Felsen, die aufragen,
eine kleine Höhle.
Und Knochen und Zweige, und einen gefahrvollen Aufstieg.

So soll sie nimmermehr diesen Pfad hinan hechten, mit dem gelben
Blitz eines weiten Satzes des Berglöwen!
Und ihr leuchtendes streifiges Frostantlitz wird nimmermehr lauern,
aus dem Dämmer der Höhle heraus, im blutorangenen Fels, über den Bäumen der dunklen Talmündung des Lobo!

Statt dessen blicke ich nun hinaus.
Hinweg über die Trübnis der Wüste, gleich einem Traum, nimmer real:
zum Schnee des Sangre-de-Cristo-Gebirges, dem Eis der Berge
von Picoris,
und schräg gegenüber, auf dem Schnee-Abhang, zu den grünen Bäumen,
die reglos im Schnee stehn wie Spielzeug zur Weihnacht.

Und ich denke, in dieser leeren Welt ist für mich und für
einen Berglöwen Platz.
Und ich denke, wie leicht könnten wir in der Welt da draußen
auf ein oder zwei Millionen Menschen verzichten, ohne sie je zu vermissen.
Doch welch eine Lücke in der Welt: wenn das weiße Frostgesicht
fehlt jenes schlanken gelben Pumas!


Lobo.

deutsch: Wolfgang Schlüter

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 26.01.2007 10:52

-----------------------------
Lyrikmail 04/2007 24.01.2007
-----------------------------

Clara Hätzlerin


Abgefaymbte,
Bübische,
Czupringerin!
Durchgesottene,
Erenlose,
Falsche,
Giftige,
Hur!
Inhitzige
Krotensack!
Lebersüchtige
Morderin!
Nasenstinckende,
Orenlose,
Pfäffische,
Quattrerin!
Rotzige
Schwätzerin!
Trostlose
Verschmächerin
Xpi (Christi)!
Ymmer vnd ymmer
Ze schelten!

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 31.01.2007 12:08

-----------------------------
Lyrikmail 05/2007 31.01.2007
-----------------------------


Paul Boldt


Nächt über Finnland


Die Nadelwälder dunkeln fort im Osten,

Und aus den Seen taucht das Nachtgespenst

Den gelben Kopf, von Feuerrauch gekränzt,

Den Sterngeruch der neuen Nacht zu kosten.

Zu weißen Pilzen filzen Fichtenpfosten,

Und Ast an Ast in zartem Lichte glänzt,

- befrorne Linien - Filigran umgrenzt,

Zieht die Kontur aus reinen, reifen Frosten.

Bis auf das alte, runde, schwarze Eis

Des Grundes sind die Flüsse zugefroren.

In Schuttmoränen glänzt der glatte Gneis

Und in den leuchtenden, polierten Mooren.

Die Krähen schreien ewig: Tag - und Tat -

Nebel und Kälte fällt wie Sack und Saat.

Benutzeravatar
MrSkull
Site Admin
Beiträge: 2081
Registriert: 05.10.2005 16:52
Wohnort: bei München

Beitrag von MrSkull » 14.02.2007 11:56

-----------------------------
Lyrikmail 07/2007 14.02.2007
-----------------------------

Peter Hille


Kind

Süßer Schwindel schlägt hinüber,
Heiße Blicke gehen über,
Und ein neues Leben rinnt.
Unserer Liebe starke Wonnen
Sammelt ein als starke Sonnen
In die Himmel seiner Augen
Unser Kind.


---
aus: Blätter vom fünfzigjährigen Baum.

Antworten

Zurück zu „Keine Spiele !“