Lyrisches

Nicht von dieser (Spiele-)Welt, dafür aus der Realen ! Hier wird über alles, nur nicht über Spiele geredet.

Moderator: MrSkull

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Beitrag von MrSkull » 28.04.2006 09:21

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Lyrikmail 17/2006 28.04.2006
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Deine Locken sind es,
Dein Gesicht,
Nur bleich wie Du
Ist das Kindlein nicht.
Deine Stirne ist es
Und Dein Mund
Und auch Dein Auge
So kindlich-rund.
Dein Lächeln ist es,
Dein Zucken gar ...
Das immer
Heimliches Weinen war.


Ada Christen
(1839-1901)

aus: Lieder einer Verlorenen.

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Beitrag von MrSkull » 05.05.2006 08:03

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Lyrikmail 18/2006 05.05.2006
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guenter netzer


guenter netzer hat gesagt
ist doch alles kokolores: elf
freunde seid ihr schon mal
nicht &s reicht wenn ihr elf
profis seid - strich sich die
geometrie seines schopfs
mit vaseline nach, ganz &
gar erfuellt von seltsam
aerodynamischen ideen
die sie ihm zuschrieben
stieg er in seinen ferrari
den er fuer alle anderen
unauffindbar in seinen
gedanken, der beruehmten
tiefe des raums geparkt hatte


Stan Lafleur
(*1968)

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Beitrag von MrSkull » 12.05.2006 07:45

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Lyrikmail 19/2006 12.05.2006
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Lieber sterben als lieben
Im Namen eines guhten Freundes


MAn sagt mir zwahr: Ich soll dich hassen / und nicht mehr lieben / wie ich pflag / so kan ich doch nicht vohn dir lassen / ich fliehe dich auch / wie ich mag.
Wie offt hab ich mir fürgenommen /
du sollest mir in meinen Sinn /
O Galatee / nicht mehr kommen /
Nein / Nein / ich lieb dich wie vorhin.
Wir sind je nicht zu gleich gebohren / eß gleichen unsre Sternen nicht / mir hette Venus sich verloren / dir aber schien ihr helles Licht.
Werd ich durch List dan hintergangen / und hat man mir was beygebracht / daß ich so stets an dir muß hangen und ruhe weder Tag noch Nacht?
Seh ich dich an / so fühl ich Schmerzen; genieß ich deiner Gegenwart / so ist mir auch nicht wohl zuhm Herzen / Ich stehe bey dir / wie erstart.
Die Rede will mir ganz nicht fliessen / Ich zittre wie ein Espen Laub / der Augen Quell muß sich ergiessen / Ich bin wie Sinnloß / stumb und taub.
Auch glaub ich / daß auß diser Ketten und auß dem harten Liebes Streit mich Perseus selbst nicht könt erretten / der doch Andromeden befreyt.
Darumb woll Cloto meinem Leben /
weil sonst mir nicht zu helffen steht /
die längst=gewündschet' Endschafft geben / dardurch ein Mensch der Lieb entgeht.


Sibylla Schwarz
(1621-1638)

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Beitrag von MrSkull » 22.05.2006 11:37

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Lyrikmail 20/2006 19.05.2006
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Hier am äussersten Rande des Lebensmeeres Lern' ich zu spät erkennen, o Welt, den Inhalt Deiner Freuden, wie du den Frieden, den du Nicht zu gewähren vermagst, versprichst und jene Ruhe des Daseins, die schon vor der Geburt stirbt.
Angstvoll blick' ich zurück, nun da der Himmel Meinen Tagen ein Ziel setzt: unaufhörlich Hab' ich vor Augen den alten, süssen Irrtum, Der dem, den er erfasst, die Seele vernichtet.
Nun beweis' ich es selber: den erwartet
Droben das glücklichste Los, der von der Geburt ab Sich auf dem kürzesten Pfad zum Tode wandte.


Michelangelo Buonarroti
(1475-1564)

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Beitrag von MrSkull » 26.05.2006 08:25

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Lyrikmail 21/2006 26.05.2006
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Die Jahreszeiten

An Sidonie

Jede Jahreszeit trägst Du im Bilde! Die goldenen Locken
Gleichen dem Ährengefild, wenn es die Sonne bestrahlt:
Reifen, lieblichen Früchten sind diese reizenden Lippen
Ähnlich; zum weihenden Kuß schwellen sie sittsam empor.
Auf den Wangen blüht dir der rosige Lenz: und der Winter
Hat dir mit blendendem Schnee Busen und Arme bestreut.


Louise Bachmann
(1777-1822)

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Beitrag von Monchhichi » 27.05.2006 10:36

Wie herrlich leuchtet mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten aus jedem Zweig!
Und tausend Stimmen aus dem Gesträuch

Und Freud und Wonne aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne, o Glück, o Lust,

o Lieb, o Liebe, so golden schön
wie Morgenwolken auf jenen Höhn,

du segnet herrlich das frische Feld -
im Blütendampfe die volle Welt!

O Mädchen , Mädchen, wie lieb ich dich!
Wie blinkt dein Auge, wie liebst du mich!

Zu neuen Liedern und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich, wie du mich liebst.

Johann Wolfgang von Goethe

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Beitrag von MrSkull » 02.06.2006 13:08

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Lyrikmail 22/2006 02.06.2006
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Nie kampflos wird dir ganz
Das Schöne im Leben geglückt sein -
Selbst Diamantenglanz
Will seiner Hülle entrückt sein,
Und windest du einen Kranz:
Jede Blume dazu will gepflückt sein.


Friedrich von Bodenstedt
(1819-1892)

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Beitrag von Monchhichi » 07.06.2006 17:19

Sterne und Träume
Weißt Du noch,
wie ich Dir die Sterne vom Himmel
holen wollte,
um uns einen Traum zu erfüllen?
Aber
Du meintest,
sie hingen viel zu hoch ...!
Gestern
streckte ich mich zufällig
dem Himmel entgegen,
und ein Stern fiel
in meine Hand hinein.
Er war noch warm
und zeigte mir,
daß Träume vielleicht nicht sofort
in Erfüllung gehen;
aber irgendwann ...?!

- Markus Bomhard -

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Beitrag von MrSkull » 09.06.2006 07:36

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Lyrikmail 23/2006 09.06.2006
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Der Ball


Du Runder, der das Warme aus zwei Händen im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie sein Eigenes; was in den Gegenständen nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,

zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
um nicht aus allem draußen Aufgereihten
unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

noch Unentschlossener: der, wenn er steigt, als hätte er ihn mit hinaufgehoben, den Wurf entführt und freiläßt -, und sich neigt und einhält und den Spielenden von oben auf einmal eine neue Stelle zeigt, sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

um dann, erwartet und erwünscht von allen, rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur, dem Becher hoher Hände zuzufallen.



Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

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Beitrag von MrSkull » 19.06.2006 07:48

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Lyrikmail 24/2006 16.06.2006
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Die Nächte explodieren in den Städten,
Wir sind zerfetzt vom wilden, heißen Licht, Und unsre Nerven flattern, irre Fäden, Im Pflasterwind, der aus den Rädern bricht.
In Kaffeehäusern brannten jähe Stimmen
Auf unsre Stirn und heizten jung das Blut, Wir flammten schon. Und suchen leise zu verglimmen, Weil wir noch furchtsam sind vor eigner Glut.
Wir schweben müßig durch die Tageszeiten, An hellen Ecken sprechen wir die Mädchen an.
Wir fühlen noch zu viel die greisen Köstlichkeiten Der Liebe, die man leicht bezahlen kann.
Wir haben uns dem Tage übergeben
Und treiben arglos spielend vor dem Wind, Wir sind sehr sicher, dorthin zu entschweben, Wo man uns braucht, wenn wir geworden sind.


Ernst Wilhelm Lotz
(1890-1914)

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Beitrag von MrSkull » 23.06.2006 07:41

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Lyrikmail 25/2006 23.06.2006
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miroslav klose


seine ersten wm-tore schosz er noch
aus einem pfaelzischen bezirksliga-
match heraus: wo sich die maedels

kichernd ueber den schuechternen
jungen unterhielten, der nach jedem
treffer einen angewinkelten salto

sprang. die eigenen spruenge nicht
begreifend waehlte er den direkten
weg zwischen zwei verteidigern, die

vom blitz seiner raschen aktion
geblendet stirn an stirn aufeinander
prallten: alter grusz der verdutzten


Stan Lafleur
(*1968)

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Beitrag von MrSkull » 26.06.2006 07:40

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Lyrikmail 21/2006 26.05.2006
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Die Jahreszeiten

An Sidonie

Jede Jahreszeit trägst Du im Bilde! Die goldenen Locken
Gleichen dem Ährengefild, wenn es die Sonne bestrahlt:
Reifen, lieblichen Früchten sind diese reizenden Lippen
Ähnlich; zum weihenden Kuß schwellen sie sittsam empor.
Auf den Wangen blüht dir der rosige Lenz: und der Winter
Hat dir mit blendendem Schnee Busen und Arme bestreut.


Louise Bachmann
(1777-1822)

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Beitrag von MrSkull » 30.06.2006 08:31

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Lyrikmail 26/2006 30.06.2006
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Der Bär und der Liebhaber seines Gartens


Ein unerfahrner Bär voll wilder Traurigkeit, Den in den dicksten Wald sein Eigensinn verstecket, Vertrieb, unausgeforscht, durch Klipp' und Berg gedecket,
Wie ein Bellerophon die Zeit.

Hier sträubet sich der Petz; er liebt nur diese Kluft, Und meidet stets die Spur der Bären, seiner Brüder.
Mit Brummen wälzt er sich im Felsen auf und nieder;
Sein schwaches Haubt scheut freie Luft.

Dies macht ihn ganz verwirrt. Ihm gleicht vielleicht die Zunft Der Weisen dunkler Art, der schweren Sonderlinge; Die fliehen Licht und Welt, und haschen Wunderdinge;
Nur nicht die Gabe der Vernunft.

Einst, da er saugend sinnt, wird ihm sein Lebenslauf (Wenn das ein Leben ist) auf einmal sehr verdrießlich.
Er will gesellig sein; dies hält er für ersprießlich.
Und kurz: er macht sich taumelnd auf.

Wohin? das weiß er nicht: das Glück mag Führer sein, Das Glück, der Thoren Witz. Nicht weit von seiner Höhle Lebt' ein bejahrter Mann mit einer trägen Seele,
Fast wie der Petz, stumm, und allein.

Auch der sucht keinen Scherz, der andern artig scheint.
Was Herbst und Sommer zollt, des grünen Frühlings Gaben Vergnügen seinen Fleiß. Ich müßt' ein mehrers haben:
Was aber? Einen klugen Freund.

Der Fluren bunter Schmelz entzücket das Gesicht; Pomonens Ueberfluß kann tausend Freude machen; Man darf mit Blum' und Frucht vertraulich reden, lachen;
Doch nur in Fabeln: weiter nicht.

Nicht wahr? die Einsamkeit ist nicht auf ewig schön.
Unmitgetheilte Lust muß Ueberdruß erwecken; Der bringt den Greis ins Feld, um Menschen zu entdecken.
Mein Timon wird zum Diogen.

Er wandert nach dem Forst; hier irrt er hin und her, Und mißt und sucht die Bahn auf unbekanntem Stege.
Zuletzt begegnet ihm, in einem hohlen Wege,
Ein andrer Eremit, der Bär.

Er stutzt. Was soll er thun? Zur Flucht ist keine Spur.
Er fasset sich; hält Stand: das wird gut aufgenommen.
Petz sieht ihn gnädig an, und spricht: Mein Freund, willkommen,
Besuche mich, und eile nur.

Der Greis versetzt gebückt: Die Gunst verpflichtet mich.
O würde mir erlaubt, in meinem nahen Garten Mit einem schlechten Mahl gehorsamst aufzuwarten!
Der Vorzug wäre königlich.

Ich habe Milch und Obst; zwar weiß ich gar zu wohl, Die Kost ist ziemlich schmal für euch, ihr Herren Bären; Ihr Großen dieser Welt, ihr könnet besser zehren:
Doch auch mein Honigtopf ist voll.

Der Vorschlag wird beliebt; noch zeigt sich nicht das Haus,
Da die Bekanntschaft schon recht preislich angegangen.
Es will sogar der Bär den neuen Freund umfangen;
Doch der bedankt sich, und weicht aus.

Bald haben diese zween den schönsten Bund gemacht.
Sie bleiben ungetrennt, und werden Hausgenossen.
Der eine pflanzet, impft, und wartet seiner Sprossen;
Der andre legt sich auf die Jagd.

Unwissenheit und Ernst schließt öfters beider Mund; Ihr Umgang nähret sich durch beider stumme Blicke.
Man machet sich die Lust aus diesem Eintrachtsglücke
Einsilbigt, auch nur selten, kund.

Petz kehret einmal heim; da schlummert sein Orest Zur schwülen Mittagszeit. Er gehet bei ihm liegen, Bewacht den Schlafenden, zerstreut den Schwarm der Fliegen,
Der seinen Wirth nicht ruhen läßt.

Er schnappt, fängt, scheuchet, lauscht, gafft nach dem Alten hin, Und sieht auf dessen Stirn sich eine Raupe regen; Ha! brummt er: dir will ich das Handwerk zeitig legen!
Geschmeiße, wißt ihr, wer ich bin?

Er holt den größten Stein; und, weil er's treulich meint, So muß durch einen Wurf so Raup' als Greis erkalten.
Fürwahr, den klugen Feind muß man für schädlich halten;
Doch ja so sehr den dummen Freund.



Friedrich von Hagedorn
(1708-1754)

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Beitrag von MrSkull » 07.07.2006 08:08

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Lyrikmail 27/2006 07.07.2006
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An den unsterblich Geliebten


Meere sind zwischen uns und Länder und Tage.
Aber ich weiß,
Du wartest auf mich
Jetzt und immer.
Wissend und gut.
Meere sind zwischen uns und Länder und Tage.

Ich sehne mich nach dir,
Nach deinen sanften Händen,
Nach deiner frommen Schönheit,
Nach deiner klugen Güte.
O ich sehne mich nach dir.

Alles, was ich habe, will ich dir schenken, Alles was ich denke, will ich dir denken, Ich will dich lieben in allen Dingen, Meine schönsten Worte will ich dir singen, All meine Schmerzen und Sünden will ich dir weinen.
Meiner Seligkeit Sonnen werden dir scheinen.
Was ich bin, will ich dir sein.

Meine Träume sind voll deiner Zärtlichkeit.
Mein Blut singt süß deine Unendlichkeit.
Weiße Seele
Unsterblich Geliebter.

Du blühst sehr wunderbar
Im Gestirn meiner Liebe,
Im Schauer meiner Ängste,
Im Lachen meines Glücks.

Du blühst sehr wunderbar
Im Gestirn meiner Liebe.


Francisca Stoecklin
(1894-1931)

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Beitrag von MrSkull » 24.07.2006 09:18

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Lyrikmail 29/2006 24.07.2006
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Im Süden.

So häng' ich denn auf krummem Aste
Und schaukle meine Müdigkeit.
Ein Vogel lud mich her zu Gaste,
Ein Vogelnest ist's, drin ich raste.
Wo bin ich doch? Ach, weit! Ach, weit!
Das weiße Meer liegt eingeschlafen,
Und purpurn steht ein Segel drauf.
Fels, Feigenbäume, Thurm und Hafen,
Idylle rings, Geblök von Schafen, -
Unschuld des Südens, nimm mich auf!
Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben, Stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer.
Ich hieß den Wind mich aufwärts heben,
Ich lernte mit den Vögeln Schweben, -
Nach Süden flog ich über's Meer.
Vernunft! Verdrießliches Geschäfte!
Das bringt uns allzubald an's Ziel!
Im Fliegen lernt' ich, was mich äffte, - Schon fühl' ich Muth und Blut und Säfte Zu neuem Leben, neuem Spiel?
Einsam zu denken nenn' ich weise,
Doch einsam singen - wäre dumm!
So hört ein Lied zu eurem Preise
Und setzt euch still um mich im Kreise,
Ihr schlimmen Vögelchen, herum!
So jung, so falsch, so umgetrieben
Scheint ganz ihr mir gemacht zum Lieben
Und jedem schönen Zeitvertreib?
Im Norden - ich gesteh's mit Zaudern -
Liebt' ich ein Weibchen, alt zum Schaudern:
"Die Wahrheit" hieß dies alte Weib?

Friedrich Nietzsche
(1844-1900)

aus: Lieder des Prinzen Vogelfrei

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Beitrag von MrSkull » 28.07.2006 08:16

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Lyrikmail 30/2006 28.07.2006
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Hochsommer


Von des Sonnengotts Geschossen
Liegen Wald und Flur versengt,
Drüber, wie aus Stahl gegossen,
Wolkenlose Bläue hängt.

In der glutgeborstnen Erde
Stirbt das Saatkorn, durstig ächzt
Am versiegten Bach die Herde,
Und der Hirsch im Forste lechzt.

Kein Gesang mehr in den Zweigen!
Keine Lilie mehr am Rain! -
O wann wirst du niedersteigen,
Donnerer, wir harren dein.

Komm, o komm in Wetterschlägen!
Deine Braut vergeht vor Weh -
Komm herab im goldnen Regen
Zur verschmachtenden Danae!



Emanuel Geibel
(1815-1884)


* der Autor
geboren am 17.10.1815 in Lübeck als siebtes von acht Kindern in einem reformierten
Pfarrhaus. 1835 beginnt er in Bonn ein Theologiestudium, wechselt aber bald zur klassischen
Philologie. Ab 1836 ist er in Berlin, wo er Chamisso und Eichendorff kennenlernt.
1838 nimmt er eine Stelle als Hauslehrer in Athen an, nach seiner Rückkehr veröffentlicht
er 1840 mit großem Erfolg seine ersten Gedichte, der preußische König setzt ihm 1842
eine lebenslange Pension aus. In den weiteren Jahren hält er sich überwiegend bei Freunden
(Kerner, Freiligrath, Strachwitz) auf. 1852 wird er, einem Ruf König Maximilians II. folgend,
Ehrenprofessur für deutsche Literatur und Poetik in München. 1868 kehrt er nach Lübeck zurück.
Dort stirbt er am 6. 4. 1884.

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Beitrag von MrSkull » 04.08.2006 09:41

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Lyrikmail 31/2006 04.08.2006
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Politische Disticha

Viele verloren Gedächtnis und Sprache, so dringt es aus allen
Landen, in denen der Krieg schon seine Schauer entrollt.
Sind das nicht himmlische Zeichen? - Die Menschheit, die diesen Krieg führt,
Ist des Gedächtnisses nicht, ist auch der Sprache nicht wert.

Menschliche Schwächen, nicht himmlische Zeichen sind's. Ihrem Gedächtnis
Hat noch die Menschheit nie so Gewaltiges erkämpft.
Und die Sprache der Feldpostbriefe, klingt sie nicht golden
Gegen das donnernde Blech, das aus den Zeitungen dröhnt?

Ein vollständiges Verzeichnis der Ortschaften, die in dem Kriege
Ganz oder teilweise zerstört, gibt es bis heute noch nicht.
Dringend herrscht ein Bedürfnis danach, denn viele schon zogen
In die Heimat zurück und sie gelangten ins Nichts.

Frank Wedekind
(1864-1918)

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Beitrag von MrSkull » 11.08.2006 08:14

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Lyrikmail 32/2006 11.08.2006
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Übung am Klavier


Der Sommer summt. Der Nachmittag macht müde; sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid und legte in die triftige Etüde die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,

die kommen konnte: morgen, heute abend -, die vielleicht da war, die man nur verbarg; und vor den Fenstern, hoch und alles habend, empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.

Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränkte die Hände; wünschte sich ein langes Buch - und schob auf einmal den Jasmingeruch erzürnt zurück. Sie fand, daß er sie kränkte.


Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

* der Autor
geb am 4.12.1875 in Prag als Sohn eines Militärbeamten, 1886 bis 1891 Besuch der Militärschule St. Pölten, danach Militär-Oberrealschule in Mährisch-Weiß- kirchen, Studium der Kunst- u. Literaturgeschichte in Prag, München u. Berlin, 1899/1900 Rußlandreise mit Lou Andreas-Salomé, Begegnung mit Tolstoi, 1900 lässt er sich in der Malerkolonie Worpswede nieder u. heiratet die Bildhauerin Clara Westhoff, von der er sich 1902 trennt, 1905 wird er für 8 Monate der Privatsekretär von Rodin in Paris, Reisen nach Nordafrika, Ägypten, Spanien,
1911/12 lebt er auf Schloß Duino an der Adria bei der Fürstin Marie v. Thurn u. Taxis, im 1. Weltkrieg in München, aus Gesundheitsgründen wird er aus dem österreichischen Landsturm entlassen, nach Kriegsende 1920 in Berg am Irschel (Schweiz), ab 1921 auf Schloß Muzot im Kanton Wallis, das ihm sein Mäzen Werner Reinhart zur Verfügung stellt, er stirbt am 29.12.1926 im Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie.

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Beitrag von Monchhichi » 11.08.2006 15:36

Mann mit zugeknöpften Taschen,
Dir tut niemand was zulieb;
Hand wird nur von Hand gewaschen;
Wenn du nehmen wilst, so gib !

Johann Wolfgang von Goethe

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Beitrag von MrSkull » 18.08.2006 09:14

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Lyrikmail 33/2006 18.08.2006
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Sternschnuppen


Als ein seliger Vagant
Zieh ich in der Sterne Horden,
Streu von meines Schiffes Borden
Goldne Körner in das Land.

Wo ein Mädchen hellen Blicks
Eines Strahles Bahn ergattert,
Fühlt sie leuchtenden Geschicks,
Wie ihr Wunsch zum Stern entflattert. -

Süßer Vogel, halte still,
Komm in meine Sternkajüte,
Sag, was deine süße lütte
Herrin Gutes von mir will...


Klabund
(1890-1928)

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