Lyrisches

Nicht von dieser (Spiele-)Welt, dafür aus der Realen ! Hier wird über alles, nur nicht über Spiele geredet.

Moderator: MrSkull

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Beitrag von MrSkull » 06.02.2006 11:09

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Lyrikmail 05/2006 03.02.2006
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Die verwandlungen

"und sie welken dahin in ihrer unendlichen schönheit"
Vers von Leopold Andrian

I.
Lang kannte er die muscheln nicht für schön:
Er war zusehr aus einer welt mit ihnen,
Der duft der hyacinthen war ihm nichts
So wie das spiegelbild der eignen mienen.

Doch alle seine tage waren so
Geöffnet wie ein leierförmig thaI
Darin er herr zugleich und knecht zugleich Des weissen lebens war und ohne wahl.

Wie einer der noch thut was ihm nicht ziemt Doch nicht für lange, ging er auf den wegen:
Der heimkehr und unendlichem gespräch
Hob seine seele ruhig sich entgegen.

II.
Eh er gebändigt war für sein geschick
Trank er viel flut die bitter war und schwer Dann richtete er sonderbar sich auf Und stand am ufer seltsam leicht und leer.

Zu seinen füssen rollten muscheln hin
Und hyacinthen hatte er im haar
Und ihre schönheit wusste er, und auch
Dass dies der grosse trost des schönen lebens war.

Doch mit unsicherm lächeln liess er sie
Bald wieder fallen, denn ein grosser blick Auf diese schönen kerker zeigte ihm Das eigne unbegreifliche geschick.


Hugo von Hofmannsthal
(1874-1929)

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Beitrag von Monchhichi » 06.02.2006 16:19

Wo man am meisten drauf erpicht ,
Grad das bekommt man meistens nicht.

Die Freude flieht auf allen Wegen,
Der Ärger kommt uns gern entgegen.

Fortuna lächelt, doch sie mag
Nur ungern voll beglücken;
Schenkt sie uns einen Sommertag,
So schenkt sie uns auch Mücken.

Wilhelm Busch

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Beitrag von MrSkull » 10.02.2006 13:09

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Lyrikmail 06/2006 10.02.2006
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schiflieger

ikarus faehrt omnibus
(axel kutsch)


kleine jungs, die sich fuers fliegen interessieren jungs aus den endlosen birkenwaeldern, im sommer trunken von kwass, der wiederum die stechmuecken lockt, die ihren blutaustausch

besorgen, sie blass erscheinen lassen, ihnen das mark aus den knochen ziehen, damit sie eher voegeln gleichen als menschen, wenn die harten winter kommen, wenn es auf die schanzen geht

in der lage sind, ihre landungen zu stehen ueber staendig anwachsende flugdistanzen (die groeszten soehne des landes gingen dabei verloren, sie flogen einfach fuer ewig davon)

darueber zu maennern werden, milchbaertigen
heiopeis, die auf die titelseiten der zeitungen
gelangen, in abgrundtiefe vodkaraeusche, in
die herzen der am boden verbliebenen, wilde

jahre, die ihre weiszen gesichter von innen mit moertel belegen, waehrend, von tausend fluegen gespeist, ihr bewusztsein fuer eine welt in schieflage reift. am ende sterben sie in autos


stan lafleur
(*1968)

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Beitrag von Monchhichi » 16.02.2006 19:04

Die Lösung von Raum und Zeit liegt außerhalb
von Raum und Zeit !

Ludwig Wittgenstein

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Beitrag von MrSkull » 17.02.2006 10:58

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Lyrikmail 07/2006 17.02.2006
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Du bist mein Land,
ich deine Flut,
die sehnend dich ummeeret;
Du bist der Strand,
dazu mein Blut
ohn' Ende wiederkehret.

An Dich geschmiegt,
mein Spiegel wiegt
das Licht der tausend Sterne;
und leise rollt
dein Muschelgold
in meine Meergrundferne.


Christian Morgenstern
(1871-1914)

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Beitrag von Monchhichi » 18.02.2006 02:57

Äpfel, Birnen, Aprikosen,
Hemden, Kleider, Strümpfe, Hosen,
einen Farbstift und ein Buch,
einen Ball, ein buntes Tuch
und noch einen ganzen Haufen
kannst du dir für Geld wohl kaufen.
Doch es gibt auf dieser Welt
sehr viel Schönes ohne Geld:
Sternenhimmel, Sonnenstrahlen,
dafür brauchst du nichts zu zahlen.
Und dazu ist dir das Größte,
Schönste, Kostbarste und Beste
einfach als Geschenk gegeben.
Was das ist ? Dein eignes Leben.

Helmut Zöpfl

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Beitrag von MrSkull » 24.02.2006 09:53

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Lyrikmail 08/2006 24.02.2006
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Er redet ihre Halsperlen an


Was bildet ihr euch ein, ihr Muscheltöchter ihr?
Vermeint ihr, daß mein Lieb euch trägt zu ihrer Zier?
Nein, darumb trägt sie euch, darmit ihr selbsten schaut, wie viel ihr dunkler seid als ihre klare Haut!


Paul Fleming
(1609-1640)

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Beitrag von Monchhichi » 25.02.2006 08:32

Kraft der Liebe

Woher sind wir geboren? - Aus Lieb.
Ohne was wären wir verloren? - Ohn Lieb.
Was hilf uns überwinden? - Die Lieb.
Kann man auch Liebe finden? - Durch Lieb.
Was läßt nicht lange weinen? - Die Lieb.
Was soll uns stets vereinen? - Die Lieb.


Johann Wolfgang von Goethe

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Beitrag von MrSkull » 03.03.2006 10:09

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Lyrikmail 09/2006 03.03.2006
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Das Alter

Das Alter ist ein höflich Mann:
Einmal übers andre klopft er an;
Aber nun sagt niemand: Herein!
Und vor der Türe will er nicht sein.
Da klinkt er auf, tritt ein so schnell,
Und nun heißt's, er sei ein grober Gesell.


Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)

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Beitrag von Monchhichi » 05.03.2006 14:15

Die Zukunft hat viele Namen:

Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare.
Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte.
Für die Tapferen ist sie die Chance.

Victor Hugo

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Beitrag von MrSkull » 10.03.2006 09:28

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Lyrikmail 10/2006 10.03.2006
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Lied


Laß ab mit deinen Blicken -
nicht können sie fortan
mich fester noch umstricken,
als sie es schon getan.

Laß ab mit deinen Worten,
die schmeichelnd mich betört, -
mein Ohr doch allerorten
nur deine Stimme hört.

Laß ab mit deinen Küssen, -
mein Herz pocht bang und schwer:
ich hab dich lieben müssen
und seh kein Ende mehr . . .


Clara Müller-Jahnke
(1860-1905)

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Beitrag von MrSkull » 17.03.2006 09:30

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Lyrikmail 11/2006 17.03.2006
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Reglose Jagd


Die Ställe hangabwärts, es heißt, den Hasen habe ein Marder geholt, ein Fuchs, niemand ist sicher, man lebt hier selten nachts. Das Haus zu groß für ein Haus, die Menschen zu reich, um aus meiner Zeit zu sein. Und dennoch gehen wir auf die Jagd gemeinsam, durch die verwachsenen Ränder des Familienerbes, kein Tier knackt das Unterholz, kein Kadaver legt seinen Geruch wie ein spukender Ahne an die Grenze des Grundstücks. Ich glaube, alles hält die Terrasse verborgen, niemand folgt mir nach, wie sollten sie auch, meine Tage liegen anderswo. Nur die Seeadler auf den Pfosten lassen mich nicht aus dem Blick, ich fühle ihre gefeilten Augen mir in den Nacken starren, bis ich stürze, doch das ist unwesentlich, nur eine kurzfristige Veränderung des alten Gebäudes.


Nora Bossong
(*1982)

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Beitrag von MrSkull » 24.03.2006 10:27

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Lyrikmail 12/2006 24.03.2006
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La Querida


Deine Umarmungen sind wie Sturm,
der uns über Weltenabgründe schwenkt, Deine Umarmungen sind wie wildduftender Regen,
der das Blut mit Traum und Irrsein tränkt.
Aber dann ist Tag. Nachtschwere Augen brechen auf,
herwankend aus goldner Vernichtung und Tod, Durch Ströme dunklen Bluts rausch ich zurück
wie Ebbe, fühle schneidend eine Not, Höre deines Herzens Schlag an meinem Herzen klopfen
und weiß doch: du bist ganz fern und weit.
Fühle: überm Feuer dieser Lust, die wir entfacht,
weht eine Traurigkeit,
Näher an dir! Gewölk, das meinem stillern
Tagverlangen dein Gesicht entzieht,
Fremdes, darein du flüchtest, drin sich deine Inbrunst,
ferne Liebeslitaneien betend, niederkniet, Herzblut, das tropft, verschollene Worte,
Streichen über heiße Stirn, Finger gefaltet,
Blicke zärtlich tauend, die ich nie gekannt - Grenzenloses streckt sich wie ein undurchdringlich
tiefes, dämmerunggefülltes Land,
Gärten, zugewachsen, die ins Frühlicht eingeblüht
bei deiner Seele stehn -
Ich weiß: du müßtest über hundert Brücken,
weite zugesperrte Straßen gehn,
Rückwärts,
in dein Mädchenland zurück,
Müßtest deine Hand
mir geben und das lange Stück
Mit mir durchwandern,
bis Erinnerung, Lust und Wehe dir entschwänden, Und wir in morgendlich begrünten Furchen
vor dem Tal des neuen Aufgangs ständen ...
Aber du blickst zurück. Schrickst auf und schauerst.
Lächelst. Und deine Lippen sinken,
Geflügel wilder Schwäne, über meinen Mund,
als wollten sie sich um Erwachen
und Besinnung trinken.


Ernst Stadler
(1883-1914)

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Beitrag von MrSkull » 31.03.2006 08:44

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Lyrikmail 13/2006 31.03.2006
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Nach der Lektüre Tu Fus gehe ich hinaus in den Obstgarten


Östlich von mir, westlich von mir, reifer Sommer.
Wie viel tiefer als anderswo ist die Dämmerung im eigenen Garten.
Vögel fliegen auf der Suche nach einem Zuhause
kreuz und quer über den Rasen,
Während die Nacht wie ein kleines Boot heranweht.

Tag für Tag werd ich mir selbst nutzloser.
Einer Drossel gleich
husche ich von einem Ding zum nächsten.
Worauf soll ich mich freuen mit vierundfünfzig?
Morgen ist dunkel.
Der Tag nach Morgen ist noch dunkler.

Die Himmelhunde winseln.
Glühwürmchen schleppen Abendstille aus dem feuchtem Grass.
In den Tumult der Welt, in das alltägliche Chaos, geh, geh nur.


Charles Wright
(*1935)

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Beitrag von Monchhichi » 08.04.2006 08:32

Leicht zu leben ohne Leichtsinn,
Heiter zu sein ohne Ausgelassenheit,
Mut zu haben ohne Übermut,
Vertrauen und freudige Ergebung zeigen,
Ohne Fatalismus -
Das ist die Kunst des Lebens.

Theodor Fontane

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Beitrag von MrSkull » 10.04.2006 13:42

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Lyrikmail 14/2006 07.04.2006
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Küssen


Wer küssen wil, küß auff den Mund; das andre gibt nur halb geniessen; Gesichte nicht, nicht Hals, Hand, Brust: der Mund allein kan wieder küssen.


Friedrich Freiherr von Logau
(1604-1655)


* der Autor
geb. im Januar 1605 oder Juni 1604 in Schlesien,
Verfasser von satirischen Sinngedichten (Dt. Sinn-Getichte Drey Tausend, 1654);
herausragender Epigrammatiker des Barock; Mitglied der 'Fruchtbringenden
Gesellschaft', er starb am 24. (oder 25.) 7. 1655 in Liegnitz.

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Beitrag von MrSkull » 14.04.2006 12:02

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Lyrikmail 15/2006 14.04.2006
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hochgestellt wie zur safari
beherrschen jeeps das quartier
umgelenkt huscht reklame
übers visier oder neid

wäsche in folie verpackt
nordic walking und zucht
hunde im park vermitteln
singles ein daseinsgefühl

die lage in der wir stecken
hinter verhangenen augen
weiße stimmen und kipp

figuren am nebentisch heißt es
dasz die teutschen die besten
gewehr erfinder sein


Karin Fellner
(*1970)

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Beitrag von Monchhichi » 15.04.2006 19:00

Menschen, die viel zu sagen haben , brauchen wenig Wort.

Wer unten ist, fordert Gleichheit. Wer oben ist behauptet, sie sei
erreicht. Das ist alles.

Wer zu sehr von sich überzeigt ist, sollte öfter einmal den Stellen-
markt im Anzeigenteil einer Zeitung lesen. Er sieht dann, für
wie viele Stellen er nicht qualifiziert ist.

Lothar Schmidt



Nicht Lyrisch aber auch ganz nett:)

Gruß Monchhichi

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Beitrag von MrSkull » 21.04.2006 11:38

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Lyrikmail 16/2006 21.04.2006
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Landschaft


Wie alte Knochen liegen in dem Topf
Des Mittags die verfluchten Straßen da.
Schon lange ist es her, daß ich dich sah.
Ein Junge zupft ein Mädchen an dem Zopf.

Und ein paar Hunde sielen sich im Dreck.
Ich ginge gerne Arm in Arm mit dir.
Der Himmel ist ein graues Packpapier,
Auf dem die Sonne klebt - ein Butterfleck.



Alfred Lichtenstein
(1889-1915)

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Beitrag von MrSkull » 28.04.2006 09:21

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Lyrikmail 17/2006 28.04.2006
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Deine Locken sind es,
Dein Gesicht,
Nur bleich wie Du
Ist das Kindlein nicht.
Deine Stirne ist es
Und Dein Mund
Und auch Dein Auge
So kindlich-rund.
Dein Lächeln ist es,
Dein Zucken gar ...
Das immer
Heimliches Weinen war.


Ada Christen
(1839-1901)

aus: Lieder einer Verlorenen.

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