Lyrisches

Nicht von dieser (Spiele-)Welt, dafür aus der Realen ! Hier wird über alles, nur nicht über Spiele geredet.

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Lyrisches

Beitrag von MrSkull » 10.10.2005 08:36

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Lyrikmail 39/2005 07.10.2005
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Herbsttag


Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

aus: Das Buch der Bilder.

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Beitrag von MrSkull » 14.10.2005 07:21

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Lyrikmail 40/2005 14.10.2005
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Ach Liebste laß uns eilen
Wir haben Zeit
Es schadet uns Verweilen
Uns beiderseit.
Der Edlen Schönheit Gaben
Fliehen Fuß für Fuß:
Daß alles was wir haben
Verschwinden muß.
Der Wangen Zier verbleichet
Das Haar wird greis
Der Augen Feuer weichet
Die Brunst wird Eis.
Das Mündlein von Korallen
Wird ungestalt
Die Händ' als Schnee verfallen
Und du wirst alt.
Drum laß uns jetzt genießen
Der Jugend Frucht
Eh' wir folgen müssen
Der Jahre Flucht.
Wo du dich selber liebest
So liebe mich
Gib mir das wann du gibest
Verlier auch ich.


Martin Opitz
(1597-1639)

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Beitrag von MrSkull » 21.10.2005 08:39

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Lyrikmail 41/2005 21.10.2005
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(Paris, 22. Oktober 1900.)


Ich fuhr ins fremde, weite Land; es war
Ein Fliehn vor mir, vor dir, vor allem, was Mich täglich quält und treibt und freudlos macht.
Ich wollte frei sein und Zuschauer sein, Die Hände auf dem Rücken fremd das Fremde sehn.
Und sieh, ich sehe nur zurück und, ach!
In mich hinein und quäle mich noch mehr
Und bin unruhiger, als je ich war.
Die bunte Welt umrauscht den Sinnenden,
Der immer nur den Nebelzügen folgt,
Die innen unaufhörlich hin und her,
Trübselge Schatten, ziehn, wie im Gebirg Die grauen Wolken wandern. Wehe mir!
In meinem Auge ist nicht mehr das Bild
Der reichen Welt. Dem Maulwurf ward ich gleich, Der nur die engen Gänge sieht, die er durchwühlt.


Otto Julius Bierbaum
(1865-1910)

aus: Irrgarten der Liebe

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Beitrag von MrSkull » 28.10.2005 10:25

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Lyrikmail 44/2005 28.10.2005
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Aus: Speranza.


7.

Du bist so heiter wie der Tag,
Ich dunkel an Herz und Sinnen.
Ob's auch ein Räthsel scheinen mag,
Wir sind doch eins tiefinnen.

Der Liebe macht kein Räthsel Noth,
Es wird sich lösen müssen;
Die Lieb ist wie ein Morgenroth,
Wo Tag und Nacht sich küssen.


Paul Heyse
(1830-1914)

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Beitrag von MrSkull » 04.11.2005 09:55

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Lyrikmail 44/2005 04.11.2005
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aufwachraum I


ach wär ich nur im aufwachraum geblieben traumverloren tropfgebunden unter weißen

laken neben andern die sich auch nicht fanden eine herde schafe nah am schlaf noch nah an

gott und trost da waren große schwesterntiere unsre hirten die sich samten beugten über uns -

und stellten wir einander vor das zahlenrätsel
mensch: von eins bis zehn auf einer skala sag

wie groß ist dein schmerz? - und wäre keine grenze da in sicht die uns erschließen könnte

aus der tiefe wieder aus dem postnarkotischen geschniefe - blieben wir ganz nah bei diesem

ich von andern schafen kaum zu unterscheiden die hier weiden neben sich im aufwachraum


Uljana Wolf
(*1979)

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Beitrag von MrSkull » 11.11.2005 10:28

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Lyrikmail 45/2005 11.11.2005
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Erschütternde Schüttel-Knüttel-Reimballade


Auf den Rabenklippen
bleichen Knabenrippen,
und der Mond verkriecht sich düster ins Gewölk Rings im Kringel schnattern schwarze Ringelnattern, und der Uhu naht sich mit Gebölk.

Mit den Tatzen kratzen
bleiche Katzenfratzen
an dem Leichenstein, der Modergruft.
Furchtbar, schrecklich, gräßlich,
greulich, eklig, häßlich
tönt ihr Wehgewinsel durch die Luft.

Tief im Moore brodelt's
und im Chore jodelt's
in die kohlpechrabenschwarze Nacht hinaus.
Keine Brandungslücke,
keine Landungsbrücke
gibt's in diesem Moor aus Schreck und Graus.

Selbst ein dummer Stänker
wird ein stummer Denker,
wenn er so viel Grauses hört und schaut.
Trinkt noch schnell 'nen Bittern,
sinkt zur Stell mit Zittern
mit 'ner Kreidehaut ins Heidekraut.

Drum, ihr tollen Zecher,
hebt die vollen Becher,
besser sitzt es sich doch hier beim Wein als auf Rabenklippen, wo die Knabenrippen bleichen bei des Neumonds finsterm Schein.


Heinrich Seidel
(1842-1906)

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Beitrag von MrSkull » 18.11.2005 09:26

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Lyrikmail 46/2005 18.11.2005
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An einem trüben Tag


Weshalb soll man das Erdenleben lieben
Und diese rauhe Welt voll Harm und Streit, In welcher Wolken unsre schönsten Tage trüben, Und Zwietracht alle Harmonie entzweit; In welcher nur die Außenseite lächelt, Doch innerlich die Schlang' verborgen lauscht, In welcher, wenn der Westwind kosend fächelt, Gleich hinterher ein rauher Nordwind rauscht; In welcher Blumen Fallen überdecken, In die die Unschuld, sich verderbend, stürzt, In der der Schmähsucht, der Verläumdung Flecken, Dem Redlichen das saure Leben kürzt?
O, sie ist mir verhaßt mit ihren Spöttern, Mit ihrem Durst nach Rache, ihrem Zank, Mit ihrem Lärmen, ihren falschen Göttern, Mit ihrem prunkend Wohlthun ohne Dank; Zuwider ist sie mir, mit den Syrenen, Die schlichte Wandrer bald durch ihren Sang Anlocken, bald durch heuchlerische Thränen, Und ihm bereiten seinen Untergang.
O, ihres Lärmens bin ich satt und müde - Fort mit dem Leben! - sei willkommen, Freund, Den Tod man nennet, du nur gibst uns Friede, Und küssest weg die Thränen, die man weint.
Du nimmst von uns den herben Lebenskummer, Du wiegst uns sanft in deinen Armen ein; O, laß mich schlafen des Vergessens Schlummer, Verwandle du die Sinne mir zu Stein.
Ein prachtvoll Denkmal mögen sie mir setzen, Auf welchem ich als schlanke Bildsäul' steh', Und Genien die Thränenurnen netzen, Und ich empor zum lichten Himmel seh'.
Am Abend mag sich dann der Sturm erheben, Und wenn der Wind in Schauertönen grollt, Wenn alle Bäume bis zur Wurzel beben, Und dumpf der Donner durch die Wolken rollt, Dann mögen sie ein Requiem mir singen, Denn süß und labend wird mein Schlummer sein, Wenn mich des Todes Arme fest umschlingen, Und mich nicht störet der Gedanken Pein.


Kathinka Zitz
(1801- 1877)

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Beitrag von MrSkull » 27.11.2005 22:23

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Lyrikmail 47/2005 25.11.2005
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Liebeslied

Helle Länder sind deine Augen.
Vögelchen sind deine Blicke,
Zierliche Winke aus Tüchern beim Abschied.

In deinem Lächeln ruh ich wie in spielenden Booten.
Deine kleinen Geschichten sind aus Seide.

Ich muß dich immer ansehen.


Alfred Lichtenstein
(1889-1914)

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Beitrag von MrSkull » 05.12.2005 10:55

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Lyrikmail 48/2005 02.12.2005
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aus dem gebirgichten westfalen


zur zeit der schneeschmelze ein wasser
kalt und klar wie ein ruf.
dein name ein ins rollen geratener schiefer,

womöglich ein ans metall gepresster kuss.
ein hochspannungsmast, der das tal überbrückt.
ein abgrund ohne röhrende hirsche.

der wald singt mir einsamkeit.
es taut, es schneit wieder, es taut.


Adrian Kasnitz
(*1974)

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Beitrag von MrSkull » 09.12.2005 12:11

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Lyrikmail 49/2005 09.12.2005
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1.
Albanie/ gebrauche deiner zeit/
Und laß den liebes-lüsten freyen zügel/
Wenn uns der schnee der jahre hat beschneyt/ So schmeckt kein kuß/ der liebe wahres siegel/
Im grünen may grünt nur der bunte klee.
Albanie.

2.
Albanie/ der schönen augen licht/
Der leib/ und was auff den beliebten wangen/
Ist nicht vor dich/ vor uns nur zugericht/ Die äpffel/ so auff deinen brüsten prangen/
Sind unsre lust/ und süsse anmuths-see.
Albanie.

3.
Albanie/ was quälen wir uns viel/
Und züchtigen die nieren und die lenden?
Nur frisch gewagt das angenehme spiel/ Jedwedes glied ist ja gemacht zum wenden/
Und wendet doch die sonn sich in die höh.
Albanie.

4.
Albanie/ soll denn dein warmer schooß So öd und wüst/ und unbebauet liegen?
Im paradieß da gieng man nackt und bloß/ Und durffte frey die liebes-äcker pflügen/
Welch menschen-satz macht uns diß neue weh?
Albanie.

5.
Albanie/ wer kan die süßigkeit
Der zwey vermischten geister recht entdecken?
Wenn lieb und lust ein essen uns bereit/ Das wiederholt am besten pflegt zu schmecken/
Wünscht nicht ein hertz/ daß es dabey vergeh?
Albanie.

6.
Albanie/ weil noch der wollust-thau
Die glieder netzt/ und das geblüte springet/
So laß doch zu/ daß auff der Venus-au Ein brünstger geist dir kniend opffer bringet/
Daß er vor dir in voller Andacht steh.
Albanie.


Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(1616-1679)

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Beitrag von MrSkull » 16.12.2005 09:09

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Lyrikmail 50/2005 16.12.2005
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Abenteuer


Nun hat der weite Weg mich ganz verloren, Wie floh mich Anfang, Ende und die Mitte!
Ich bin in einem tiefen Kreis geboren,
Ich höre meine leichten Schritte
In einem fernen Lande widerhallen,
Ich höre meine leisen Worte
In eine dunkle Stille niederfallen,
Ich schreite durch viel fremde Orte,
Fühl mich gehalten, stille, wie zu Haus, Und muß doch gehn, und gehe wie für immer, Und schau nach meiner Rückkehr lächelnd aus - Ich weiß so viel: Ich kenne schon das Zimmer, Der blauen Ampel süß gestilltes Licht, Ich hörte schon vor tausend Jahren diese Stimme, Wie sie mir zitternd das Willkommen spricht.


Maria Luise Weissmann
(1899-1929)

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Beitrag von MrSkull » 23.12.2005 09:07

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Lyrikmail 51/2005 23.12.2005
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Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu


Die Springburn hatte festgemacht
Am Petersenkai.
Kuttel Daddeldu jumpte an Land,
Durch den Freihafen und die stille heilige Nacht Und an dem Zollwächter vorbei.
Er schwenkte einen Bananensack in der Hand.
Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten, Wenn er es wagte, ihn anzuhalten.
Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden.
Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von Schweden.

Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere, Denn sie stammte aus Bayern.
Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre, Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern.

Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakehler.
Deswegen begrüßte der Wirt ihn freundlich: "Hallo old sayler!"
Daddeldu liebte solch freie herzhafte Reden, Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden.
Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri Und sagte: "Da nimm, du Affe!"
Daddeldu sagte nie "Sie".
Er hatte auch Wanzen und eine Masse
Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht.

Aber nun sangen die Gäste "Stille Nacht, Heilige Nacht", Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse Und behielt für die Braut nur noch drei.
Aber als er sich später mal darauf setzte, Gingen auch diese versehentlich noch entzwei, Ohne dass sich Daddeldu selber verletzte.

Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold
Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.
Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.
Und das Mädchen steckte ihm Christbaumkonfekt Still in die Taschen und lächelte hold Und goss noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.
Daddeldu dachte an die wartende Braut.
Aber es hatte nicht sein gesollt,
Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.
Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt, Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.

Und das war alles wie Traum.
Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.
Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete, Kam eine Marmorplatte geschwirrt, Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt.
Und die See ging hoch und der Wind wehte.

Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase
(Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße.
Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie:
"Sie Daddel Sie!"
Und links und rechts schwirrten die Kolibri.

Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete erloschen.
Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh.
Draußen stand Daddeldu
Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen.
Da trat aus der Tür seine Braut
Und weinte laut:
Warum er so spät aus Honolulu käme?
Ob er sich gar nicht mehr schäme?
Und klappte die Tür wieder zu.
An der Tür stand: "Für Damen".

Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen, Und stolperten über den schlafenden Daddeldu.


Joachim Ringelnatz
(1883-1934)

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Beitrag von MrSkull » 30.12.2005 10:02

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Lyrikmail 52/2005 30.12.2005
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Jahreswende


Im Licht der Sterne streift der Frost
durch Wald und die weißen Wiesen,
indem er lustvoll den Schnee knirschen läßt und tändelnd die Zweige liebkost.
Und schlendernd, daß er die Tannen bestrickt, macht er den Schönen den Hof, worauf er sie mit Atlasschnee schmückt und prompt auf den Neujahrsweg schickt!
Dann wirft er sich selber in Schale,
wird plötzlich zum jungen Mann
und läuft verwandelt zum nächtlichen Fest- wen käm da nicht Feierlust an?
Er läuft durch bedrohliche Wälder
mit seltenen Gaben bestückt
und flirtet erneut mit den Zweigen,
und zwinkert den Sternen zurück.
Und Eisstückchen antworten klirrend,
doch eilt er zum Volk hin - na klar:
mit Sekt, mit Musik und mit Prosit
fürs ruhig verflossene Jahr!
Dort ist er gut Freund und mit allen bekannt, und das Leben beginnt in Wahrheit voll Überschwang wie von neuer Hand - mit frostiger Frische und Klarheit.


Nikolaj Rubcov
(1936-1971)

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Beitrag von MrSkull » 06.01.2006 12:25

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Lyrikmail 01/2006 06.01.2006
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Für und für


Im ersten matten Dämmer thront
Der blasse klare Morgenmond.

Der Friede zittert: Ungestüm
Reckt sich der Tag, das Ungetüm,

Und schüttelt sich und brüllt und beißt
Und zeigt uns so, was leben heißt.

Die Sonne hat den Lauf vollbracht,
Und Abendröte, Mitternacht.

Im ersten matten Dämmer thront
Der klare blasse Morgenmond.

Und langsam frißt und frißt die Zeit
Und frißt sich durch die Ewigkeit.


Detlev von Liliencron
(1844-1909)

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Beitrag von MrSkull » 13.01.2006 09:22

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Lyrikmail 02/2006 13.01.2006
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Malwine


Ich habe mich deinetwegen
gewaschen und rasiert.
Ich wollte mich zu dir legen
mit einem Viertelchen,
mit einem Achtelchen -
Malwine!

Doch du hast dich geziert.
Der Kuckuck hat geschrien
auf deiner Schwarzwalduhr.
Ich lag vor deinen Knien:
"Gib mir ein Viertelchen!
Gib mir ein Achtelchen!
Malwine!
Ein kleines Stückchen nur!"

Dein Bräutigam war prosaisch.
Demselben hat gefehlt,
dieweilen er mosaisch,
ein kleines Viertelchen,
ein kleines Achtelchen...
das hätt dich sehr gequält!

Du hast mir nichts gegeben
und sahst mich prüfend an.
Das, was du brauchst im Leben,
sei nicht ein Viertelchen,
und nicht ein Achtelchen...
das sei ein ganzer Mann -!

Mich hat das tief betroffen.
Dein Blick hat mich gefragt...
Ich ließ die Frage offen
und habe nichts gesagt.
Daß wir uns nicht besaßen!
So aalglatt war mein Kinn.
Nun irr ich durch die Straßen...
Malwine-!
und weine vor mich hin.


Kurt Tucholsky
(1890-1935)

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Beitrag von MrSkull » 27.01.2006 09:03

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Lyrikmail 04/2006 27.01.2006
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Nun vergiß leises Flehn, süßes Kosen
und das Flattern von Rose zu Rose.
Du wirst nicht mehr die Herzen erobern,
ein Adonis, ein kleiner Narziß.

Nun vergiß diese prangenden Federn,
diese Blumen, die schimmernden Bänder,
diese Locken, die seid'nen Gewänder,
dieser Wangen so rosigen Glanz!

Nun vergiß die bunten Bänder,
diese Federn,
diese Locken,
die seidenen Gewänder!

Nun vergiß leises Fleh'n, süßes Kosen
und das Flattern von Rose zu Rose.
Du wirst nicht mehr die Herzen erobern,
ein Adonis, ein kleiner Narziß.


Wolfgang Amadeus Mozart
(1756-1791)

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Beitrag von Monchhichi » 01.02.2006 18:02

Nichts lässt die Welt kleiner ,netter und
gemütlicher erscheinen als Freunde in
der Ferne zu haben :D

Gruß Monchhichi

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Beitrag von Monchhichi » 02.02.2006 19:34

Im allgemeinen haben die Weisen aller Zeiten immer dasselbe
gesagt, und die Toren, die unermeßliche Majorität aller Zeiten,
haben immer dasselbe , nämlich das Gegenteil , getan .

Arthur Schopenhauer

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Beitrag von Monchhichi » 03.02.2006 18:20

Die schönste Frucht der Selbstgenügsamkeit ist Freiheit.

Wer in sich selber Frieden hat, schafft weder sich noch anderen Unruhe.

Besser ist es für dich , auf Spreu zu liegen und guten Mutes zu
sein, als ohne Seelenfrieden auf goldenem Ruhebett zu liegen
und an reich besetzter Tafel zu speisen.

Epikur

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Beitrag von Monchhichi » 05.02.2006 12:33

Der Mensch empfängt unendlich mehr , als er gibt . Dankbarkeit macht das Leben erst reich.

Dietrich Bonhoeffer

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